Transkript
EDITORIAL
hergehen. In einer Studie, die diese Problematik bei Herzinsuffizienzpatienten untersuchte, schienen selbst Patienten mit einer Depression in der Anamnese, die aktuell nicht depressiv waren, Anzeichen für eine schlechtere Prognose zu haben (1).
Mehr Geschichten erzählen
«Sie waren ein Herz und eine Seele» – nicht nur sprachlich ist die enge Verbindung zwischen Herz und Seele mittlerweile etabliert. Auch die Psychokardiologie beschäftigt sich mit der Bedeutung seelischer Faktoren für die Herzgesundheit. Psychische Belastungen stellen ebenso wie Rauchen oder erhöhte Blutfettwerte wichtige kardiovaskuläre Risikofaktoren dar. Menschen, die unter chronischem Stress, Ängsten oder Depressionen leiden, haben ein erhöhtes Risiko für einen Bluthochdruck, eine koronare Herzerkrankung, einen Myokardinfarkt oder einen Hirnschlag. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind aber nicht nur Folgeerkrankungen von Stress und Depression, sondern können ihrerseits Angststörungen und Depressionen auslösen und Betroffene so zusätzlich belasten. Etwa 20 Prozent der Patienten, die wegen eines Myokardinfarkts hospitalisiert werden, entwickeln eine behandlungsbedürftige Depression oder Angststörungen, leichtere Formen depressiver Verstimmungen findet man bei 40 bis 60 Prozent der Betroffenen. Auch nach Herzoperationen, Schlaganfall, bedrohlichen Herzrhythmusstörungen oder bei Herzinsuffizienz sind depressive Störungen bekannt. Eine solche Vergesellschaftung stellt mehr als ein zusätzliches «Stimmungsproblem» dar, sie kann auch mit einer schlechteren Prognose der zugrunde liegenden Herzerkrankung ein-
Zwei Fragen und eine Geschichte
Das zeigt, wie wichtig es ist, auch bei kardiologischen
Erkrankungen vermehrt an eine potenzielle Depres-
sion zu denken und entsprechende Anzeichen ernst zu
nehmen. Mit zwei einfachen Fragen kann eine erste
Einschätzung erfolgen: 1. «Fühlten Sie sich im letzten
Monat oft niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder
hoffnungslos?» und 2. «Hatten Sie im letzten Monat
deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie
sonst gerne tun?» Werden beide Fragen mit Ja beant-
wortet, ist eine klinische Erfassung der formalen Dia-
gnosekriterien erforderlich.
Wie es nach Stellung einer solchen Diagnose weiter-
gehen sollte, wie Sie zusammen mit Ihren Patienten
ein gemeinsames Ziel definieren und erreichen kön-
nen, welche Rolle dabei die evidenzbasierte Medizin
spielt und warum vielleicht viel öfter mal eine Ge-
schichte aus dem Nähkästchen erzählt werden sollte,
lesen Sie im zweiten Teil unserer Roundtable-Diskuss-
ion ab Seite 698. Dieser Roundtable, an dem zwei Psy-
chiater, ein Hausarzt und ein Patientenvertreter ihre
Erfahrungen rund um die Depression in der Hausarzt-
praxis austauschten, ist der Auftakt einer Serie, die
sich mit verschiedensten Aspekten rund um die De-
pression beschäftigen wird. Wenn auch Sie ein Anlie-
gen oder Thema haben, das im Rahmen dieser Serie
behandelt werden sollte, freuen wir uns über Ihre Kon-
taktaufnahme.
s
Christine Mücke
Wallenborn J et al.: Prevalence of depression, frequency of antidepressant pharmacotherapy and survival in systolic heart failure patients. European Heart Journal 2014; 35(Abstract Supplement): 836–837.
ARS MEDICI 21 | 2019
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