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BERICHT
Highlights vom europäischen Urologie-Kongress in Kopenhagen
Zum diesjährigen Kongress der European Association of Urology (EAU) kamen 14 000 Teilnehmer in Kopenhagen zusammen. Über 1400 Abstracts wurden eingereicht. Das Potenzial zur Guidelineänderung hatte unter anderem eine Studie zur Prostatakarzinomdiagnose, wonach ein MRI mit gezielter Biopsie die Standard-12-fach-Biopsie ablösen könnte.
Über 1 Million Männer lassen sich jährlich bei Verdacht auf Prostatakarzinom biopsieren. Nachteil der Biopsiepraxis ist, dass auch harmlosere Tumore diagnostiziert werden, die Methode für die Patienten unangenehm ist und sie Infektionsund Blutungsrisiken birgt. MRI-(Magnetresonanztomogramm-)Untersuchungen sind dagegen schonender und sollen in der Erkennung signifikanter Tumoren auch präziser sein. Dies zu überprüfen, war Fragestellung der PRECISIONStudie. Die internationale multizentrische, randomisierte Studie verglich bei 500 Männern den Nutzen einer standardmässigen 12-fach transrektalen ultraschallgeführten Prostatabiopsie (TRUS) versus initiale MRI plus gezielte Biopsie, falls das MRI eine Abnormität aufdeckt. Ziel war die Anzahl der entdeckten klinisch relevanten Prostatakarzinome (Gleason ≥ 3 + 4) sowie die Anzahl harmloser Tumoren (Gleason 3 + 3), deren Therapie keinen Nutzen bringt. Die Studie zeigte, dass im MRI-Arm 71 (28%) von 252 Männern keine weitere Biopsie brauchten. Von jenen, die eine Biopsie benötigten, deckte der MRI-Arm 95 (38%) klinisch relevante Tumoren auf, während dies im TRUS-Biopsie-Arm bei 64 (26%) von 248 der Fall war. «Mit gezielten Biopsien aufgrund eines zuvor durchgeführten MRI-Scans können mehr Tumoren diagnostiziert werden als mit der Standardbiopsiemethode der letzten 25 Jahre», berichtet der Erstautor, Dr. Veeru Kasivisvanathan, University College of London. Die Studie wurde am EAU-Kongress präsentiert und zeitgleich im «New England Journal of Medicine» publiziert. «Das ist eine wichtige Studie, die die Praxis verändern könnte. Ein Prostatakarzinomverdacht kann nur mittels Biospie erhärtet werden, die einerseits invasiv ist und damit andererseits auch ein Risiko birgt. Bei den meisten Männern entdeckt die Biopsie keinen Tumor. Bei ihnen könnte ein vorgängiges MRI diese Prozedur einsparen. Und
es zeigte sich weiter, dass mit dem MRI kleine, aggressive Tu-
moren in einem therapierbaren Stadium sichtbar werden wie
auch nicht aggressive, bei denen mit der Biospie noch zuge-
wartet werden kann», kommentierte Prof. Hein van Poppel,
University Hospital Leuven, die Studienresultate. Damit
könnten Überdiagnosen sowie einige überflüssige Biopsien
effektiv vermieden werden.
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Quelle: Kasivisvanathan V et al.: Game changer Prostate evaluation for clinically important disease: Sampling using image-guidance or not? (PRECISION study). Präsentiert am 33. Jahreskongress der European Association of Urology (EAU), 16. bis 20. März 2018 in Kopenhagen.
Referenz: Kasivisvanathan V et al.: MRI-targeted or standard biopsy for prostate-cancer diagnosis. N Engl J Med 2018 Mar 18; Epub ahead of print. N Engl J Med 2018 March 19; Epub ahead of print.
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MRI nicht für alles bei «active surveillance»
Mit dem MRI können zwar signifikante Tumoren präzis ge-
funden werden können, im Umkehrschluss kann aber nicht
davon ausgegangen werden, dass bei einem negativen MRI
kein Prostatakarzinom vorliegt. Bei einem positiven Tastbe-
fund und erhöhtem PSA sollte dennoch standardmässig biop-
siert werden. Nach der Entdeckung eines «low risk»-Tumors,
dessen weitere Entwicklung mittels «active surveillance» be-
obachtet wird, soll nach Ansicht von Prof. Peter Albers,
Heinrich Heine Universität, Düsseldorf, initial ein MRI
durchgeführt werden. Ist das MRI «normal» (inklusive
PIRADS 3), soll die PSA-Dichte für die Entscheidung zu einer
Nachfolgebiopsie herangezogen werden. Steigt sie, müssen
systematische Standardbiopsien durchgeführt werden. Denn
bei Patienten mit höhergradigen Tumoren kann man sich
seiner Meinung nach nicht auf die MRI-gestützte Biopsie
verlassen.
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Quelle: «Plenary Session 7: Prostate cancer: Localised and advanced disease». Präsentiert am 33. Jahreskongress der European Association of Urology (EAU), 16. bis 20. März 2018 in Kopenhagen.
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nach der Operation waren nicht höher im Vergleich zu
herkömmlicher Chemotherapie, mit Ausnahme von Fieber
als immunologischer Nebenwirkung, was im Auge behalten
werden muss. Die Zeitspanne zwischen dem Ende der
Chemotherapie und der Operation, die gemäss Roupret
bisher vielen zu lang war, konnte mit der immuntherapeu-
tischen Vorbehandlung auf durchschnittlich 24 Tage und ge-
mäss Studienleiter Alberto Briganti, Ospedale San Raffaele,
Milano, bei Einzelnen sogar bis auf 14 Tage verkürzt werden,
was auch die Gesamtlänge der Behandlung auf durchschnitt-
lich 63 Tage reduziert.
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Quelle: «Plenary Session 7: Urothelial cancer: Localised and advanced disease». Präsentiert am 33. Jahreskongress der European Association of Urology (EAU), 16. bis 20. März 2018 in Kopenhagen.
Referenz: Briganti A et al.: Early surgical safety outcomes from PURE-01: Secondary analysis from a phase 2 open-label study of neoadjuvant pembrolizumab (pembro) before radical cystectomy for muscle-invasive urothelial bladder carcinoma (MIUC). Abstract 370, präsentiert am 33. Jahreskongress der European Association of Urology (EAU), 16. bis 20. März 2018 in Kopenhagen.
Suizidrate bei urologischen Tumoren fünfmal höher
Patienten mit urologischen Tumoren wie Blasen-, Nieren-
oder Prostatakrebs begehen 5-mal häufiger Suizid als Perso-
nen ohne solche Tumoren. Das zeigte eine britische Untersu-
chung bei knapp 1 Million Krebspatienten, die von Dr. Meh-
ran Afshar, St. George’s Hospital, London, präsentiert
wurde. Die Analyse zeigte auch, dass Krebspatienten im Ver-
gleich zur Allgemeinbevölkerung 3-mal häufiger einen
Selbstmordversuch unternehmen, und dies auch erfolgreicher.
Unter ihnen sind proportional mehr Krebspatienten mit
Harnwegstumoren vertreten. Die Gründe dafür liegen ge-
mäss Autor an den Behandlungsfolgen, die Auswirkungen
auf die Blasen- und Darmfunktion, erektile Funktion und
Libido haben können. Als Resultat können ähnlich wie bei
der Menopause Beziehungsprobleme, Angst- und depressive
Störungen entstehen.
«Der Stress hört mit der Entfernung oder Stabilisierung des
Tumors bei Nieren-, Blasen- oder Prostatakrebs eben nicht
auf», kommentierte Prof. Hein van Poppel, Universität Leu-
ven, die Untersuchungsresultate. Man schulde es diesen Pa-
tienten, dass sie mit der Krebsbehandlung auch emotionale
und psychologische Unterstützung erhielten.
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Quelle: Afshar M et al.: Patients with urological malignancy are 5 times more likely to commit suicide: a large national cohort study. Präsentiert am 33. Jahreskongress der European Association of Urology (EAU), 16. bis 20. März 2018 in Kopenhagen.
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Innovation bei überaktiver Blase
Erleichterung scheint es für Patienten mit überaktiver Blase
(OAB) zu geben. Dies berichtete Prof. John Heersakkers,
Urologie, Radboud UMC, Nijmegen. Eine Innovation aus
der Erasmus Medical University, Rotterdam, mit einem von
aussen wieder aufladbaren, implantierten sakralen Neuro-
modulationssystem in der Grösse einer 2-Euro-Münze schnitt
in einer prospektiven Studie bei 51 OAB-Patienten aus sieben
europäischen Zentren nach einer 6-monatigen Nachbeob-
achtungsphase vielversprechend ab. 71 Prozent der Teilneh-
mer sprachen auf die implantierte Therapie an, die tägliche
Miktionsrate sank von 14 auf 7, und die Episoden von unge-
wolltem Harnabgang reduzierten sich von 8 auf 2 pro Tag.
Diese Resultate würden die Zukunft sicher beeinflussen,
kommentierte Heersakkers das neue Verfahren.
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Quelle: «Plenary Session 7: Functional urology». Präsentiert am 33. Jahreskongress der European Association of Urology (EAU), 16. bis 20. März 2018 in Kopenhagen.
Referenz: Blok B et al.: Treatment of overactive bladder with a miniaturized rechargeable sacral neuromodulation system. Poster 950, präsentiert am 33. Jahreskongress der European Association of Urology (EAU), 16. bis 20. März 2018 in Kopenhagen.
Valérie Herzog
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Kürzere Behandlung bei Blasenkrebs in Aussicht
Bei der Zystektomie infolge muskelinvasiven Blasenkrebses scheint sich eine Vorbehandlung mit dem Immuntherapeutikum Pembrolizumab zu empfehlen, wie Zwischenresultate der ersten 25 von 43 Patienten der offenen Phase-2-Studie PURE-01 andeuten. Dies berichtete Prof. Morgan Roupret, Hôpitaux de Paris, Paris. Die Patienten wurden mit 3 3 wöchentlichen Zyklen Pembrolizumab 200 mg neoadjuvant behandelt. Die Morbiditäts- und Komplikationsraten
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