Transkript
MEDIEN, MODEN, MEDIZIN
Frauensache
«Sie verstehen das nicht. Sie sind halt keine Frau!», seufzte die Patientin, als ich ins Sprechzimmer kam, als sie sich mit meiner MPA genüsslich über Last und Leiden von Frausein, von Schwangerschaft und Stillen austauschte. Nun, sowohl die Sex- als auch die Genderfrage ist klar. Tatsächlich bin ich weder phänonoch genotypisch eine Frau. Auch die Sozialisierung war vermutlich eher männlich geprägt. Ich kann es nicht ändern. Und will es auch nicht. Trotz grössten Respekts vor der Chirurgie und spezialisierten Psychotherapeuten möchte ich am Status quo nichts verändern, sondern gedenke weiterhin, ein Mann zu bleiben. Aber schliesst das wirklich aus, das Erleben anderer Menschen – und das sind Frauen nun mal – nicht nachvollziehen zu können? Ornithologen können schliesslich auch nicht fliegen und haben keine Pfauenschwänze oder Spatzenhirne. Doch hier geht es vermutlich mehr ums Bauchgefühl als um Kopf oder Gefieder. Genau wie den Frauenrechtlerinnen gehört auch mir mein Bauch. Ich habe dort sogar einiges zu bieten, könnte machomässig damit angeben, dass ich den grösseren habe. Deshalb hörte ich auf meinen Bauch und in ihn hinein. Er grummelte. Genau wie ich. Denn bei dieser Patientin, die mir kraft falschen Geschlechts das Verständnis für «Frauenfragen» absprach, habe ich ihr Liebesleben seit fünfzehn Jahren hausärztlich begleitet. Sie aufgeklärt, als ihre Mutter sie anlässlich ihrer sehr spät auftretenden Menarche brachte. Ihr den ersten Ovulationshemmer verschrieben und sie betreffend Verhütung beraten. Viel Reden und Schreiben mit der Patientin, der Polizei und den Sozialbehörden war nötig, um sie vor ihrem ersten alkoholkranken, gewalttätigen Stalker-Freund zu schützen. Die Folgen der im Ausland vorgenommenen Interruptio wurden von mir diagnostiziert und hier behandelt. Dann unterstützte ich ihre Bemühungen, vom jetzigen Ehemann schwanger zu werden, was dank moderner Fertilisationsmediziner gelang. Beide ihre Risiko-Schwangerschaften habe ich eng begleitet. Die zweite vorzeitige Niederkunft der Patientin habe ich bei ihr zuhause notfallmässig und ohne Hebamme zu einem guten Ende gebracht. Das Frühgeborene erfolgreich reanimiert und bis heute nachbetreut.
Gynäkologie- und Geburtshilfe habe ich mit dieser Patientin in praxi erlebt. Ihre Anatomie ist mir vertraut, vom gynäkologischen Untersuchen bis hin zu kleinen Eingriffen. Infektiologisches, wie eine Mastitis mit Problemkeim während ihrer Stillzeit, habe ich gemeistert. Praktische Fragen, von Hygienetipps bei rezidivierenden Zystitiden bis hin zu Stilltechniken und Mamillenhütchen, habe ich beantwortet. Und auch ihre Psyche kam nicht zu kurz: Schliesslich habe ich sie vom Teenageralter an betreut, kenne ihr gesamtes soziales Umfeld. Partnerprobleme konnte sie genauso mit mir besprechen wie die Sorgen einer Ehefrau und jungen Mutter. Um sie und andere Patientinnen ganzheitlich betreuen zu können, habe ich Fachbücher gewälzt, Spezialfortbildungen besucht und bin bei Experten in die Lehre gegangen. Habe Kontakte zu Hilfsorganisationen und Behörden hergestellt. Das Heranwachsen vom Mädchen zur Frau, Partnerin und Mutter habe ich beobachtet und genau zugehört, wenn mir die Freuden, Zweifel und Leiden geschildert wurden. Aber in der Tat – schwanger war ich noch nie, und meine Mamillen haben nur dekorativen Charakter. Das Manko, nicht alles selbst durchlitten zu haben, beschränkt sich zudem nicht auf Frauliches. Obwohl ich eine an Chirurgischem, Schmerzhaftem und Lebensbedrohlichem reiche Krankengeschichte bieten kann, blieben mir die meisten Leiden der Medizin erspart. Persönliches Erleben muss durch Schulung wettgemacht werden, die es erlaubt, nicht selbst am eigenen Leib Durchlittenes zu diagnostizieren und zu behandeln. Es ist mir klar, dass ich kein Vogel bin, sondern allenfalls Hobbyornithologe. «Ja, ja, ich weiss, Frauensache, verstehe ich nicht …», winkte ich daher ab, als ich meine MPA dabei störte, wie sie Schuh-Websites studierten. «Nein!», riefen sie unisono. «Wir machen uns doch für euch Männer schön! Welche Schuhe sollen wir kaufen?» «Weiss nicht», knurrte ich. «Interessiert mich auch nicht. Das ist Mädchenkram. Wenn ihr ein Auto kaufen wollt, dann könnt ihr mich fragen.» Dann genoss ich noch ein paar Minuten meine miese, lausbübische Gender-Retourkutsche. Schliesslich bin ich ein Mann und darf das …
ARSENICUM
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ARS MEDICI 23 I 2014