Transkript
EDITORIAL
Ein deutlich hörbares Grummeln ging durch die Medien. Der Internetkonzern Google plant – zu-
sammen mit Novartis’ Alcon – eine smarte Kontaktlinse. Eine Linse, die den Blutzucker misst und die Werte – logisch – an ein Smartphone meldet, das bei Bedarf warnt oder die nächste Insulindosis berechnet oder … Das missbilligende Grummeln gilt dem Datenschutz, aber auch der Absicht, mit einer neuen Medizintechnologie Geld verdienen zu wollen. Google und Augen – was soll das? Beziehungsweise: auch das noch!
Fast jegliche Neuerung in der Medizin war das Resultat von Ehrgeiz oder Profitstreben. (Für Entwicklungsländer mag manches anders aussehen, mögen andere Motive wichtiger sein. Aber letztlich: Selbst dort sind «unsere» Motivations- und Marktmechanismen richtungsweisend.) «Wohltäter» allein verlängern das Leben in unseren hochindustrialisierten Gesellschaften nicht. Die Industrie tut es. Aus Eigennutz: Geht es dir besser, geht es mir besser. Das ist Haltung und Aufgabe der Industrie. Wir haben lediglich darüber zu wachen, dass alles in geordneten Bahnen abläuft. Dass wirklich alle Zugang erhalten zu wertvollen Neuerungen – schwierig genug. Dass niemand betrogen oder geschädigt wird. Das gilt auch für
Ein smartes System
Nein, den Grummlern passt das nicht. Dabei profitieren auch sie davon. Davon, dass die Entwicklung von Innovationen über wirtschaftliche Anreize erfolgt. Stimmt: Wenn Novartis’ Alcon/ Googles neue Kontaktlinse die Therapie des Diabetes verbessert oder erleichtert, dann haben weder Novartis noch Google prioritär das Wohl der Diabetiker vor Augen. Natürlich nicht. Um deren «Wohl» sich zu kümmern, ist für sie nur mittelbar von Interesse, insofern anzunehmen ist, dass die Betroffenen für eine bessere Therapie zu zahlen bereit sind. So ist das: Motivation für Innovationen ist nicht das Wohl der Kranken, sondern der wirtschaftliche Erfolg. Und wo bleiben da Empathie und Altruismus? Nun denn, sogar dem Diabetiker ist es egal, weswegen er heute 20 Jahre länger lebt, als er es noch vor 50 Jahren getan hätte.
den Schutz der Daten. Es gibt keine Innovation ohne Daten und keine, ohne dass neue Daten anfallen, die von irgendjemandem ge-, be- oder ausgenutzt werden können. Es gehört zu den begleitenden Regeln, Missbrauch zu verhindern, nicht aber, Innovationen, selbst wenn sie zu Missbrauch verleiten könnten, abzuwürgen. Schwierig zu akzeptieren? Für manche schon. Aber so funktioniert das System nun mal – und es funktioniert gut. Diabetiker, Krebspatienten, Patienten mit MS und viele andere sind froh um dieses System – weil ohne es nämlich möglicherweise invalid oder bereits tot.
Richard Altorfer
* Die Kontaktlinse funktioniert (voraussichtlich) über einen Sensor und einen Mini-Funkchip, die zwischen zwei Schichten integriert sind. Der Sensor misst die Glukose-Werte in der Tränenflüssigkeit sekundenweise. Der Chip funkt die Daten an eine Smartphone-App. Chip und Sensor sind klein wie Glitzer und die Antenne dünner als ein Haar.
ARS MEDICI 18 I 2014
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